Das Hamburger Modell

für Begabungsforschung und Begabtenförderung im Bereich der Mathematik

 

Chronik 

Ab WS 1981/82

arbeitet ein interdisziplinär zusammengesetztes Team aus Mitgliedern der Fachbereiche Psychologie, Mathematik und Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg in engem Kontakt zu einer Arbeitsgruppe der Johns-Hopkins-University in Baltimore/USA an der Konzeption und Durchführung eines Forschungs- und Förderprojekts für Schüler und Schülerinnen des Sekundarstufenbereichs.

In Hamburg und Baltimore gleich sind das Eintrittsalter (Testung am Ende der Klasse 6) und die Verwendung des in Baltimore schon länger erprobten Tests SAT-M (Scholastic Aptitude Test Mathematics). Bei der Benutzung dieses Tests wird ein 12-Jähriger als mathematisch hochbegabt eingestuft, wenn er darin etwas besser als der Durchschnitt der 16-Jährigen abschneidet. In Baltimore ist das primäre Ziel, daß Hochbegabte schneller die Schule durchlaufen. In einem gewissen Gegensatz dazu steht hier in Hamburg die Konzentration auf die kreative Komponente und auf das Fertigwerden mit hoher Komplexität bei einer möglichst selbständigen Betätigung im Bereich der Mathematik sowohl beim Förderkonzept als auch bei der Entwicklung eines eigenen zusätzlichen Tests (HTMB = Hamburger Test für mathematische Begabung), der 1982 u.a. auch in Fördergruppen in Baltimore „vorgetestet“ wurde.

In den Schuljahren 83/84, 84/85 und 85/86

wird das von der Müller-Reitz-Stiftung im Stifterverband und dem Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft für 3 Jahre finanzierte Forschungsprojekt „Identifizierung und Förderung von mathematisch besonders befähigten Schülern“ durchgeführt. Am Ende beteiligten sich etwa 100 Schüler, darunter knapp 30% Mädchen, in drei Jahrgangsgruppen (83, 84 und 85) an den pro Jahr etwa 24mal an Samstagvormittagen in Räumen der Universität Hamburg stattfindenden etwa 3stündigen Förderveranstaltungen. Und fast alle Teilnehmer wollen weitermachen.

1985/86 wird die gemeinnützige William-Stern-Gesellschaft

für Begabungsforschung und Begabtenförderung gegründet, insbesondere auch, um dieses „Weitermachen“ zu ermöglichen. Zusätzlich wird für das Hamburger Modell eine „Oberstufengruppe“ vorgesehen, in der sich diejenigen Schüler wiederfinden, welche auch im 4. Jahr und danach an Förderveranstaltungen teilnehmen wollen.

Ab dem Schuljahr 1986/87

ist die William-Stern-Gesellschaft Träger des Hamburger Modells der Begabungsforschung und Begabtenförderung im Bereich der Mathematik. Die Finanzierung der Förderveranstaltungen, der Testungen usw. erfolgt seither fast ausschließlich durch freiwillige Elternbeiträge.

1996

findet eine Arbeitstagung mit Mitgliedern des Center for Talented Youth (CTY) und des Mathematical Sciences Department  - u.a. auch mit dessen Dekan – unserer Partneruniversität Baltimore statt, bei der es insbesondere darum ging, ob und wie in Baltimore eine Förderung im Sinne unseres Hamburger Modells unter den etwas anderen und USA-typischen Vorgaben möglich ist und mit eigenen Kräften gestaltet werden kann.

Bis heute

läuft das Förderprojekt Jahr für Jahr in gewohnter Weise und mit fast identischen Beteiligungszahlen. Sorgen macht uns in den letzten Jahren, daß insbesondere der aus offen gestellten Testaufgaben bestehende HTMB immer schlechtere Bearbeitungsergebnisse hat, was wir nach dem ersten Anschein im Moment nicht auf schlechtere mathematische Begabung der Probanden (am Ende der 6. Klasse), sondern auf deren gegenüber früher geringere deutschsprachliche und sprachlogische Fähigkeiten zurückführen.

 

Organisation, Teilnehmerzahlen, Betreuer

Die etwa 3-stündigen Förderveranstaltungen finden in Räumen der Universität HH statt, und zwar am Sonnabend von ca. 9.30 Uhr bis ca. 12.30 Uhr.

Es gibt 3 Mittelstufengruppen (Klassenstufen 7, 8 und 9) und eine „Oberstufengruppe“ (Klassenstufe 10 und älter).

Die in über etwa 20 Jahren erfahrenen „statistisch-durchschnittlichen“ Gruppengrößen sind gegen Ende des jeweiligen Schuljahres

      38 (Klassenst. 7) ,  33 (Klassenst. 8) ,  28 (Klassenst. 9)  und   29 („Oberstufengr.“).

Dies bedeutet z.B., daß von den unmittelbar nach der Testung eingeladenen jeweils (etwa) 45 Schülern am Ende des 2. Jahres noch 74% und am Ende des 3. Jahres noch 61% dabei sind.

Da sich unser Betreuerteam zu etwa 70% aus Ehemaligen zusammensetzt, sind regelmäßig ca. 8 der Ehemaligen auch nach ihrem Abitur noch im Projekt tätig. Ehemalige, die nicht nur mathematisch, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich ganz besonders qualifiziert sind, als Betreuer/Tutoren anzuwerben und einzusetzen, hat sich enorm bewährt, – wie wir wissen nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren Partnern in Baltimore.

 

Erfahrungen, Befragungsergebnisse

Mit aller Vorsicht, die wegen der notwendigerweise geringen Zahl von Probanden und der prinzipiellen Probleme bei derartigen Unternehmungen gebotenen sind, seien noch einige Befragungs- und Forschungsergebnisse angegeben.

Im Rahmen einer psychologischen Doktorarbeit fanden 1986 ausführliche Interviews mit unseren ersten drei Jahrgangsgruppen statt. Die Interviewerin stellt in einem Kurzextrakt zuerst etwas fest, das inzwischen ja auch durch die obigen Beteiligungszahlen bestätigt wird, nämlich daß die Förderung nach dem Hamburger Modell auf großes Interesse bei den Teilnehmern stößt. Und dann formuliert sie einen über die mathematische Betätigung im engeren Sinne hinausgehenden Aspekt, der nicht wichtig genug genommen werden kann: Die Möglichkeit des Kontaktes zu ähnlich begabten und interessierten Schülern sowie die Zusammenarbeit an anspruchsvollen mathematischen Problemen nehmen dabei einen besonderen Stellenwert ein.

Eine zweite Befragung fand zu einem (späteren) Zeitpunkt statt, als diese Jahrgangsgruppen gerade ihr Abitur hinter sich hatten. Von den befragten Ehemaligen hatten sich (schon) ca. 80% (männl.) bzw. ca. 85% (weibl.) für ein Studium entschlossen, und davon ca. 6o% bzw. ca. 36% für Mathematik oder ein mathematiknahes Fach.

Bei einer dritten Befragung, und zwar der ersten fünf Jahrgänge (83 bis 87) von dann 25- bis 30-jährigen ehemaligen Teilnehmern, bei der wegen fehlender finanzieller und personeller Ressourcen jedoch leider nur diejenigen einbezogen werden konnten, deren Anschriften bekannt oder leicht zu ermitteln waren, ergab sich u.a.:

Die meisten (85%) studierten mit der ersten Möglichkeit nach dem Abitur. Von diesen wählten ca. 50% ein mathematiknahes Fach (Mathematik, Naturwiss., Ingenieurwiss.), ca. 25% orientierten sich direkt in Richtung Wirtschaft, und der Rest verteilte sich auf Medizin, Psychologie, Philosophie, Geschichte, Politologie und Musik. Einen Studienabschluß hatten bis zur Befragung ca. 80% erreicht.

Rund 45% hatten die Promotion schon abgeschlossen oder waren noch dabei zu promovieren, davon 50% in einem mathematiknahen Fach.

Ca. 40% hatten ein oder zwei Semester im Ausland verbracht, ca. 24% erhielten ein Stipendium einer Stiftung, ca. 45% hatten ein oder mehrere Semester als wissenschaftliche Hilfskraft gearbeitet und ca. 25% waren an einem Forschungsprojekt beteiligt.

Die meisten erinnerten sich positiv an ihre Teilnahme an den Förderveranstaltungen im Hamburger Modell, und zwar wegen anspruchsvoller Kursarbeit (75%), gutem Arbeitsklima (70%), stimulierendem Gedankenaustausch (66%), wegen neuer Kontakte (58%), gutem sozialem Klima (47%), und wegen Anregung zu neuen Interessen (28%) und zu neuen Aktivitäten (23%).