Aufnahmetestungen    problematisch, aber unvermeidbar

 

Für Probeunterricht oder ähnlich aufwendige Unternehmungen stehen uns bei 200 bis 300 Bewerbern viel zu wenig Ressourcen zur Verfügung, insbesondere wäre es praktisch unmöglich, für die Auswertung genügend viele Beobachter mit einschlägig hoher und vergleichbarer Kompetenz  zusammenzubekommen. Wir sind darauf angewiesen, eine unserem Wissen über und unserem Bild von Mathematik einigermaßen entsprechende Testung üblicher Art als zentrale Entscheidungshilfe einzubeziehen. Bei der Gestaltung der Testung und der Konzeption unseres eigenen Tests HTMB - und dort vor allem bei der Produktion der Aufgaben und deren Formulierung - wurden uns Beschränkungen prinzipieller und spezieller Art sehr ins Bewußtsein gebracht, die man nicht umgehen kann. Solche Beschränkungen/Schwierigkeiten sind/resultieren aus

1.      direkt zeitlicher Art:  12-Jährige können sich nicht beliebig lang konzentrieren, auch dann, wenn sie hochbegabt sind;  Räumlichkeiten – es sollten alle Probanden gleichzeitig getestet werden – standen in der Uni in hinreichender Größe nur am Samstagmorgen zur Verfügung

2.      Folgen der zeitlichen Beschränkungen in 1:  Man muß sich auf eine kleine Zahl von Aufgaben einstellen, welche nicht alle Aspekte abdecken, und es stellt sich die Frage, welche Aspekte sind (hinsichtlich der Testung) am wichtigsten.

3.      die Verfügbarkeit über Sprache und Sprachlogik bei 12-Jährigen und die Vermeidung von sprachbezogenen Benachteiligungen.

4.      dem Sachverhalt, daß kreative Prozesse besser ohne Druck von außen gedeihen und sich oft erst nach längerem Auf-und-ab – und oft sogar erst nach Tagen und Wochen - zu einem Ergebnis hinstolpern, und daß bei solchen Prozessen das Skalierungsminimum „richtig/nicht richtig“  nur verfälschen kann.

5.      dem Sachverhalt, daß insbesondere auch 12-Jährige ein praktisch unlösbares Problem damit haben, gleichzeitig zu dem Vollzug von Denkprozessen diese - quasi von außen – zu registrieren und dann fast gleichzeitig noch ausführlich und für den Bewerter nachvollzieh- und auswertbar schriftlich festzuhalten. Man muß sich darauf konzentrieren, in geeigneten Fällen auf andere Weise wesentliche und einigermaßen objektiv auswertbare Auskünfte über diese Denkprozesse zu erhalten, was äußerst schwierig zu bewerkstelligen ist und nicht zu einer Einseitigkeit der Aufgabenstellung führen darf.

6.      dem Sachverhalt, daß es verschiedene Begabungsausprägungen gibt, von denen keine bevorzugt und keine benachteiligt werden darf.

 

Der übliche Ablauf des Aufnahmeverfahrens:

Im April werden über die Schulbehörde HH die Mathematiklehrer der 6. Klassen informiert und gebeten, bei nach ihrer Ansicht mathematisch besonders begabten Schülern deren Eltern anzusprechen. Diese Eltern melden dann geg. ihre Kinder zur Testung an (Natürlich dürfen auch auf anderem Wege informierte Eltern aus HH oder Umgebung uns ihre Kinder benennen). An diese Kinder werden dann Hefte zur Vorbereitung auf den SATM, also auf den ersten Teil der Testung, versandt (in diesem Jahr 2003 waren es ca. 320). Mit den Heften können sich die Kinder ca. einen Monat beschäftigen, Eltern, Geschwister, Lehrer befragen usw.

Zur eigentlichen Testung, die im Juni stattfinden wird, erwarten wir auch in diesem Jahr wieder gut 200 Teilnehmer. Ausgeschieden sind bis dahin diejenigen Kinder, welche nicht fähig waren bzw. kein hinreichendes Interesse hatten, sich weitgehend allein zusätzlichen Stoff anzueignen, die kein Durchhaltevermögen hatten usw. Dadurch vollzog sich automatisch eine weitere Vorauswahl.

Am Testvormittag bearbeiten die Probanden zuerst in einer Stunde die ca. 60 nicht ganz anspruchslosen multiple-choice-Aufgaben des SATM  (diese werden in den USA für 16-Jährige verwendet) und dann nach einer kurzen Pause (15-20 Minuten) in 2 Stunden die 7 offen gestellten und wesentlich komplexeren Aufgaben des HTMB. Man sieht: Es wird u.a. auch wieder Durchhaltevermögen getestet – und es ist faszinierend, immer wieder zu sehen, wie enorm viele dieser 12-Jährigen auch nach mehr als 2 Stunden noch mit größtem Eifer mit der Bearbeitung ihrer Aufgaben beschäftigt sind.

Da es sein kann, daß kreative Prozesse durch den Abgabetermin abrupt abgebrochen werden mußten, geht an die Probanden die Aufforderung, eventuell noch später in der Bahn, am nächsten Tag beim Aufstehen usw. einfallende Lösungsideen uns noch bis zum darauf folgenden Montag zuzusenden.

Es hat sich eingependelt, daß praktisch stets etwa 40 bis 45 Testteilnehmer unseren nun schon 20 Jahre geltenden Kriterien genügen. Diese werden dann zur Teilnehme an der Förderung eingeladen. Nur sehr wenige nehmen dann die Einladung nicht an, so daß wir in der Regel mit einer Gruppengröße von mindestens 40 beginnen.

Auch den anderen werden die Testergebnisse mitgeteilt. Außerdem werden diese darauf hingewiesen, daß sie sich auch im Schülerzirkel mathematisch betätigen können (dazu: Bemerkungen in 3). Wir nehmen später dann immer wieder auch „Quereinsteiger“ aus diesen Schülerzirkeln auf, wenn diese dort ganz besondere Leistungen zeigen. Und darunter sind auch solche, welche bei unserer Testung nicht bestanden hatten.

 

Was sonst noch an Auswahltestungen problematisch ist

Auswahltestungen haben in der Regel Prognosecharakter. Eine Prognose kann gerichtet sein

(1)    auf die nahe Zukunft,  z.B. auf  ein oder zwei Jahre  , sie kann

(2)    mittelfristige Perspektiven haben, z.B. auf die Schulzeit und/oder das Studium, und sie kann

(3)    etwas über die Lebensleistung aussagen wollen.

Unsere Auswahltestung ist primär auf eine erfolgreiche Mitarbeit in unseren Fördergruppen angelegt. Mehr muß diese Testung nicht leisten. In diesem (eingeschränkten) Sinne können wir aufgrund der Erfahrungen in inzwischen fast 20 Jahren mit Fug und Recht behaupten, daß die Art unserer Testung und insbesondere die Testaufgaben die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt haben.

Daß wir uns auch bei den Testungen praxisgerecht verhalten, sieht man u.a. daran, daß wir unsere Testergebnisse nicht zum uneingeschränkten „Maß aller Dinge“ machen und immer wieder auch Quereinsteiger (s.o.) aufnehmen, welche sich an anderer Stelle ganz besonders bewährt und engagiert gezeigt haben und sich bei einer Probe-Teilnahme an unseren Veranstaltungen als gleichwertig geeignet erweisen.

Testungen haben aber noch andere potentielle Mankos: Das erfolgreiche Abschneiden kann langfristig Auslöser für psychische Probleme sein. Ein solches Abschneiden kann nämlich Anlaß für überdauernde Erwartungen des Probanden sein, im späteren Leben große Erfolge zu haben. Und wenn solche Erfolge dann nicht eintreffen, vielleicht auch nur wegen unglücklicher Umstände, so kann dies zu Imageproblemen und psychischen Erkrankungen führen. Wir sehen solche Gefahren und vermeiden alles, was bei unseren Teilnehmern zu überhöhten Ansprüchen an die eigene Person führen kann.

Allerdings: Einen gesunden Ehrgeiz, der sich primär an der Sache und nicht vor allem am Vergleich von Personen orientiert, hegen und pflegen wir.