Forschungsnotwendigkeiten, ergänzende Projekte

 

Begabungsausprägungen

Kein vernünftiger Mensch kommt auf die Idee, von der Begabung für Sport zu sprechen und diese auf einer linearen Punktskala anzuordnen. Man weiß, daß jemand, der relativ klein ist, einen kräftigen Oberkörper und dabei relativ kurze Beine hat, eher als Turner Furore machen kann denn als Langstreckenläufer. Und man weiß, daß jemand, der über 2 Meter groß ist, eher als Basketballspieler zu gebrauchen ist denn als Turner.

Bei den viel komplexeren Konstellationen im kognitiven Bereich ist es aus eigentlich unverständlichen Gründen ganz anders. Man spricht von der mathematischen Begabung (und von der Intelligenz), obwohl jeder, der sich sehenden Auges unter Mathematiker und mathematisch begabte Schüler und Studenten begibt, auch dort offensichtlich stabile Ausprägungen und Begabungen hinsichtlich bevorzugter Denkstrukturen und Hilfsmittel feststellt, die man nur mit roher Gewalt und großer Versimplifizierung in eine lineare (Punkte-) Ordnung bringen kann. So ist es schon bei den beiden Anfängerveranstaltungen deutlich zu erkennen, daß gewisse Begabungstypen die lineare Algebra bevorzugen und andere die Analysis.

Im Zusammenhang mit unserem Förderprojekt entstand vor Jahren dazu ein Promotion (Dr. H. Rehlich, Begabungsausprägungen im Bereich der Mathematik – Modellierungsansätze zur Verbesserung der Querdifferenzierung im Schulunterricht, 1995), die nur ein erster Anfang sein kann und Nachfolgeprojekte geradezu herausfordert.

 

Modellierung von kreativen Theoriebildungsprozessen

Es gibt bei den Kognitionspsychologen eine umfangreiche Literatur zum Problemlösen – leider jedoch zumeist nur an simplen, weil dann sehr übersichtlichen Problemen – und praktisch keine zu den in der Regel hochkomplexen Theoriebildungsprozessen. Es existieren in unserem Projekt aussichtsreiche Ansätze, derartige Theoriebildungsprozesse als Selbstorganisationsprozesse zu modellieren, die weiter verfolgt und mit Hilfe systematischer und differenzierender Beobachtung der mathematischen Praxis zu einer gewissen Ausreifung gebracht werden sollten.

 

Wie erhält man bei Testungen mehr Informationen über die beteiligten Denkprozesse?

Sieht man sich die Bearbeitungen von üblichen, nach dem multiple-choice-Prinzip gestellten Intelligenztestaufgaben an, so kann man nur feststellen, ob der Proband sein Kreuz an der Stelle gemacht hat, die der Aufgabensteller dafür vorgesehen hat, oder ob er solches nicht getan hat. Über Denkprozesse, die zum „richtigen“ oder „falschen“ Ankreuzen geführt haben, gibt es keine Information. Und die meisten der veröffentlichten PISA-Aufgaben sind in dieser Hinsicht auch nicht viel besser.

Es wurden innerhalb unseres Projekts Überlegungen angestellt und Möglichkeiten diskutiert, wie man bei Testungen mehr über die Denkprozesse der Probanden erfahren kann, die erprobt werden müßten.

 

Weshalb und wie unterscheidet sich die Kommunikation zwischen (mathematisch) besonders Begabten von der Kommunikation zwischen „Normalbegabten“?

Daß die Teilnehmer an unseren Förderkursen viel weniger sprechen und sich trotzdem viel besser und schneller verstehen, als dies bei Normalschülern der Fall ist, darauf hat uns einer unserer prominenten Besucher aufmerksam gemacht (Uns selbst war dieser Unterschied bis dahin noch nicht ins Bewußtsein gerückt). Und dieser prominente Besucher hatte bald auch eine Erklärung parat, die er dann auch veröffentlichte: Besonders Begabte bilden schneller subjektive Erfahrungsbereiche und holen solche schneller aus ihrem Wissensnetz in ihr Arbeitsgedächtnis. Dieses Phänomen sollte genauer untersucht werden.

 

Herausgabe unserer Materialien

Unsere auf Selbständigkeit und Simulation von Theoriebildungsprozessen angelegten Materialien sind von einer Art, die es auf dem Markt praktisch noch nicht gibt. Es bietet sich deshalb an, diese Materialien zu veröffentlichen. Um dabei nicht zu sehr dubiosen kommerziellen Aspekten ausgeliefert zu sein, wird erwogen, dafür einen eigenen kleinen Verlag zu gründen.